{"id":571,"date":"2013-12-19T12:19:01","date_gmt":"2013-12-19T11:19:01","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=571"},"modified":"2022-07-31T21:57:34","modified_gmt":"2022-07-31T19:57:34","slug":"nicht-hier-nicht-dort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=571","title":{"rendered":"Die Geduldeten"},"content":{"rendered":"<div>\n<div style=\"text-align: left;\">Blaue Wa\u0308nde, auf dem Boden eine Matratze mit blauem Bettlaken, darauf liegt Sania, 14 Jahre alt und aus Serbien, ausgestreckt auf dem Ru\u0308cken. Es ist ein Tag im Fru\u0308hling, Sania hat ihre Augen geschlossen und ha\u0308lt ihre Hand mu\u0308de vor das Gesicht. Auf der Matratze ein Stuhl, auf dem Sanias Nachbarin Lendita sitzt, 34 Jahre alt und aus dem Kosovo, sie blickt aus dem Fenster, isst ein Stu\u0308ck von einem Bro\u0308tchen. Es ist egal, dass der Stuhl auf der Matratze steht, egal, dass eine weitere Matratze quer u\u0308ber der blauen liegt, denn Ordnung und Struktur, das gibt es hier nicht, nicht hier, an diesem Ort, der Flu\u0308chtlingsunterkunft in Lebach, wo sich die Zeit entlangqua\u0308lt, wo Langeweile und Apathie greifbar sind, wo es aber plo\u0308tzlich auch sehr schnell gehen kann, dann na\u0308mlich, wenn eine Familie abgeschoben wird. <a href=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_bro\u0308tchen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-574\" src=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_bro\u0308tchen-682x1024.jpg\" alt=\"Lebach\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_bro\u0308tchen-682x1024.jpg 682w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_bro\u0308tchen-199x300.jpg 199w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_bro\u0308tchen.jpg 944w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a> Lebach, eine Stadt mit etwa 20 000 Einwohnern in der Mitte des Saarlands, no\u0308rdlich von Saarlouis und Saarbru\u0308cken. Viel gibt es hier nicht: Wiesen, Wa\u0308lder, Einfamilienha\u0308user. Am Stadtrand, zwischen Oderring, Pommern- und Ostpreu\u00dfenstra\u00dfe, liegt die Landesaufnahmestelle, die erste Anlaufstelle fu\u0308r Asylsuchende und Flu\u0308chtlinge. Im Dezember leben dort 1247 Personen, damit sind die Unterku\u0308nfte fast ausgelastet. Auf dem ganzen Gela\u0308nde gibt es eine Gemeinschafts- und 29 Einzelduschen. Viele Bewohner nennen die Landesaufnahmestelle einfach nur: das \u201eLager\u201c. Die Berliner Fotografin Stefanie Schulz, deren Fotos wir hier zeigen, hat ihr erstes Lebensjahr ebenfalls in einem Spa\u0308taussiedlerheim verbracht. Ihre Mutter war 1987 kurz vor Stefanies Geburt aus Wadowice in Polen nach Baden-Wu\u0308rttemberg geflohen, wenig spa\u0308ter kam ihr Ehemann nach. Fu\u0308r ihre Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule fu\u0308r Fotografie in Berlin hat Schulz die Landesaufnahmestelle in Lebach besucht. Zwischen August 2012 und August 2013 fuhr die Fotografin einmal im Monat zu den Flu\u0308chtlingen und begleitete sie in ihrem Alltag. Fu\u0308r ihre Arbeit erhielt sie 2013 den ersten Preis des Studierenden-Wettbewerbs des Bundesinnenministeriums.<\/div>\n<div>Als Jugendliche lebte Schulz zehn Jahre im Saarland, doch von der Asylunterkunft, sagt sie heute, habe sie nichts gewusst. Erst durch ihren Ehemann Rajan erfuhr sie davon, da war sie 20 Jahre alt. Rajan wurde auf Sri Lanka geboren und lebte, als sich beide in Saarbru\u0308cken kennenlernten, ohne Aufenthaltsstatus, als sogenannter Illegaler, in Deutschland. Als er seinen Asylantrag bei der Ausla\u0308nderbeho\u0308rde in Lebach stellen wollte und Schulz ihn begleitete, sah sie zum ersten Mal die Landesaufnahmestelle, eine Siedlung mit wei\u00df getu\u0308nchten, zweigeschossigen Ha\u0308usern, alle nummeriert. Dass mitten unter uns Personen im Bus sitzen oder an der Supermarktkasse stehen, die hier offiziell nicht wohnen du\u0308rfen und schon morgen au\u00dfer Landes gebracht werden ko\u0308nnen, und dass wir von diesem Leben nichts wissen, das, sagt Schulz, finde sie versto\u0308rend. Bei ihren Besuchen in Lebach hat Stefanie Schulz Tausende von Fotos gemacht. Es sind Bilder des Ausharrens und des Hoffens, Momentaufnahmen des Alltags an einem Ort, der fu\u0308r die Bewohner nur ein Zuhause auf Zeit ist. Durch den Bu\u0308rgerkrieg in Syrien, politische Unruhen in Nordafrika und eine generell unsichere Lage in Krisenstaaten wie Afghanistan, dem Irak und Somalia ist die Migration von Flu\u0308chtlingen zu einem dra\u0308ngenden Problem dieser Zeit geworden. 2012 waren laut dem Flu\u0308chtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) 45 Millionen Personen auf der Flucht \u2013 das ist der ho\u0308chste Stand seit 1994. Fast die Ha\u0308lfte der Flu\u0308chtlinge sind Kinder.<\/div>\n<div>Auch in Deutschland ist die Zahl der Asylgesuche seit 2008 gestiegen. 2013 wurden laut einer Statistik des Bundesamts fu\u0308r Migration und Flu\u0308chtlinge bis einschlie\u00dflich November insgesamt 115 576 Asylgesuche eingereicht. 99 989 davon waren Erstantra\u0308ge, das sind 68 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das letzte Jahr, in dem mehr als 100 000 Erstantra\u0308ge gestellt wurden, war 1997. An den bisherigen Rekord von 1992 reicht diese Zahl jedoch la\u0308ngst nicht heran: Damals baten etwa 438 191 Ma\u0308nner und Frauen erstmals in Deutschland um Asyl. Zwischen Januar und November 2013 kamen insgesamt 14 Prozent und damit die meisten Flu\u0308chtlinge aus der Russischen Fo\u0308deration, gefolgt von Personen aus Syrien, Serbien und Afghanistan. <a href=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_deutschlandfahne1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-582\" src=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_deutschlandfahne1-682x1024.jpg\" alt=\"Lebach\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_deutschlandfahne1-682x1024.jpg 682w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_deutschlandfahne1-200x300.jpg 200w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_deutschlandfahne1.jpg 945w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a> Wer u\u0308ber einen sicheren Drittstaat eingereist ist, gilt in Deutschland als nicht asylberechtigt. Eine klassische Flu\u0308chtlingsroute fu\u0308hrt von Tunesien oder Libyen u\u0308ber das Mittelmeer nach Italien, das 2013 auch einen gro\u00dfen Zustrom an Flu\u0308chtlingen bewa\u0308ltigen musste. Nicht immer gelingt eine sichere U\u0308berfahrt: Als Anfang Oktober 2013 vor der italienischen Insel Lampedusa ein Boot mit etwa 545 Flu\u0308chtlingen aus Somalia und Eritrea sank und mehr als 300 Personen ertranken, war die Welt erschu\u0308ttert; Papst Franziskus sprach von einer Schande. Doch selbst Flu\u0308chtlinge, die sicher die EU erreichen, leben dort bisweilen unter schwierigen Bedingungen: In Italien mu\u0308ssen viele mangels Unterku\u0308nften auf der Stra\u00dfe leben; in Griechenland hausen sie in u\u0308berfu\u0308llten Lagern. Nach Ansicht des Europa\u0308ischen Gerichtshofs fu\u0308r Menschenrechte ist das dortige Asylsystem mangelhaft und menschenunwu\u0308rdig. Abgelehnte Asylbewerber du\u0308rfen deshalb seit 2011 nicht mehr nach Griechenland abgeschoben werden, selbst wenn es das erste EU-Land ist, u\u0308ber das sie eingereist sind.<\/div>\n<div>In Deutschland ist asylberechtigt, wer in seiner Heimat vom Staat verfolgt wird \u2013 sei es aufgrund seiner Nationalita\u0308t oder Religion, seiner Zugeho\u0308rigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder sozialen Gruppe oder aufgrund seiner politischen U\u0308berzeugung. Zwischen Januar und November 2013 traf das auf gerade einmal ein Prozent aller Asylsuchenden in Deutschland zu. 12,5 Prozent wurde Flu\u0308chtlingsschutz gewa\u0308hrt. Wird ein Asylgesuch abgelehnt, wird der Antragsteller abgeschoben. Ist eine Abschiebung nicht mo\u0308glich, erha\u0308lt er den Status der Duldung. Eine Duldung, so hei\u00dft es im Gesetz, bedeutet, dass die Abschiebung \u201evoru\u0308bergehend ausgesetzt\u201c wurde. Ein abgelehnter Asylsuchender erha\u0308lt diesen Status, wenn er nicht ausreisen kann, weil er zum Beispiel krank ist, wenn Ausweise fehlen oder seine Heimat fu\u0308r ihn zu gefa\u0308hrlich ist. Bisweilen ist auch die Infrastruktur im jeweiligen Heimatland zersto\u0308rt, sodass eine Ausreise nicht mo\u0308glich ist. Vor allem den Geduldeten hat sich Stefanie Schulz in ihrer Arbeit in Lebach gewidmet. Eine Duldung kann immer wieder verla\u0308ngert werden, jeweils fu\u0308r maximal drei Monate. Geduldete ko\u0308nnen jederzeit abgeschoben werden; jederzeit, das hei\u00dft auch: jede Nacht. Manche Kinder sind seit Jahren in Lebach, auch ihre Geschwister wurden dort geboren. Apel, ein 14 Jahre alter Jugendlicher mit Kapuzenpulli und Bartflaum, lebt mit seinen Eltern und drei ju\u0308ngeren Schwestern schon seit zwo\u0308lf Jahren in Lebach, Haus Nummer 3, im Erdgeschoss, rechts. Er selbst sei im Irak geboren worden, sagt er, seine Eltern seien armenische Christen. Es ist ein Leben in permanenter Anspannung, in dem selbstbestimmte Entscheidungen nicht mo\u0308glich sind.<\/div>\n<div>Hilfsbereitschaft wird gema\u0308\u00df der Bibel belohnt. Auf die Gerechten, sagt Jesus laut dem Mattha\u0308usevangelium, wartet das Reich, also der Himmel, \u201edenn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben\u201c. <a href=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_rosa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-590\" src=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_rosa-1024x679.jpg\" alt=\"Lebach\" width=\"1024\" height=\"679\" srcset=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_rosa-1024x679.jpg 1024w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_rosa-300x199.jpg 300w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_rosa.jpg 1417w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a> Vor allem in Debatten um die Folgen der Einwanderung berufen sich viele auf die christlichen Traditionen Europas, etwa wenn es um das Tragen von Kopftu\u0308chern und um den Bau von Moscheen geht; ein christlicher Umgang mit Flu\u0308chtlingen dagegen fa\u0308llt schwer. Mit neuen Ma\u00dfnahmen ru\u0308stet sich die EU gegen die steigenden Flu\u0308chtlingszahlen: So ist die Tu\u0308rkei ku\u0308nftig dazu verpflichtet, Flu\u0308chtlinge, die u\u0308ber ihr Territorium nach Europa reisen, zuru\u0308ckzunehmen. Das betrifft einen Gro\u00dfteil der Flu\u0308chtlinge, die aus dem Nahen Osten kommen. Weitere solcher \u201eMobilita\u0308tspartnerschaften\u201c mit Anrainerstaaten sind geplant. Am 2. Dezember nahmen au\u00dferdem 18 EU-Staaten und Norwegen das Grenzu\u0308berwachungssystem Eurosur in Betrieb, das mit Drohnen und Satelliten die illegale Einwanderung nach Europa kontrollieren soll. Die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmstro\u0308m sagte, die Ortung ermo\u0308gliche es, Flu\u0308chtlinge in u\u0308berfu\u0308llten Booten zu retten. Kritiker, wie Politiker der Gru\u0308nen und Linken, sagen, eigentlich gehe es um deren Abwehr. Auch im eigenen Land ha\u0308lt man zu den Flu\u0308chtlingen lieber Abstand. Asylbewerberheime, scho\u0308n und gut, aber bitte nicht in meiner Nachbarschaft. Auf eine extreme und besonders bescha\u0308mende Weise zeigte sich dies in Hellersdorf im Osten von Berlin, wo im Sommer 2013 Neonazis und aufgebrachte Nachbarn gegen ein neues Asylbewerberheim protestierten, in das Flu\u0308chtlinge aus Syrien und Afghanistan ziehen sollten. Anwohner fu\u0308rchteten sich vor Kriminalita\u0308t, hatten Angst um ihre Kinder und ihren Wohlstand. Rechtsextreme zeigten den Hitlergru\u00df, fremdenfeindliche Parolen wurden gerufen. Proteste gegen Asylunterku\u0308nfte gab es auch in Isny im Allga\u0308u, im schwa\u0308bischen Sachsenheim sowie in Schneeberg im Erzgebirge.<\/p>\n<div>\n<div>Stefanie Schulz ist den Bewohnern in der Landesaufnahmestelle Lebach sehr nahe gekommen, vor allem u\u0308ber eine Sozialarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes. Aber auch u\u0308ber die Kinder und Jugendlichen, die teilweise sehr gut Deutsch sprechen und u\u0308bersetzen konnten, fand sie Zugang zu den Bewohnern. Fu\u0308r die Jugendlichen war Schulz, selbst zehn Jahre a\u0308lter, eine Art Bindeglied. Weil viele schon seit Jahren in Deutschland leben, sind sie westlich sozialisiert, sind auf Facebook, chatten, rauchen heimlich, ho\u0308ren deutschen Hip-Hop, sind verliebt. <a href=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_spongebob.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-578\" src=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_spongebob-1024x679.jpg\" alt=\"Lebach\" width=\"1024\" height=\"679\" srcset=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_spongebob-1024x679.jpg 1024w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_spongebob-300x199.jpg 300w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_spongebob.jpg 1417w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a> Manchen Kindern half Schulz bei den Hausaufgaben, sie trank Unmengen an su\u0308\u00dfem Chai-Tee, tanzte mit den Frauen zu Musik aus Afghanistan oder vom Balkan, abends, ohne die Ma\u0308nner, wenn die Frauen die Gardinen geschlossen und sich Sto\u0308ckelschuhe angezogen und geschminkt hatten. Schulz a\u00df mit ihnen, u\u0308bernachtete bei ihnen. Erst nach etwa einem Jahr konnten so intime Portra\u0308ts entstehen, wie zum Beispiel das des zwo\u0308lf Jahre alten Jungen aus dem Kosovo, der mit aufgeblasenen Wangen auf einem Berg von Matratzen liegt; im Fernseher la\u0308uft Spongebob.<\/div>\n<div>Die Grundbedu\u0308rfnisse der Geduldeten, also Essen, Kleidung und Schuhe, werden u\u0308ber Sachleistungen abgedeckt. In Lebach erhalten sie dienstags und freitags Lebensmittelpakete mit Wasser, Nudeln, Marmelade, Mu\u0308sli, Tiefku\u0308hlha\u0308hnchen, Pudding und Fruchtjoghurt. Zusa\u0308tzlich bekommen Erwachsene pro Monat 137 Euro in bar ausgezahlt, Kinder und Jugendliche ho\u0308chstens 88 Euro. Zwar sind Ausnahmen mo\u0308glich, doch grundsa\u0308tzlich du\u0308rfen Geduldete nicht arbeiten; die Flu\u0308chtlinge in Lebach aber haben Ein-Euro-Jobs, sie putzen das Treppenhaus, ja\u0308ten Unkraut. Wer sich weigert, wird sanktioniert.<\/div>\n<div>Luxus \u2013 fu\u0308r die Bewohner ist das ein Parfu\u0308m, aber auch russische und polnische Bonbons, Su\u0308\u00dfigkeiten von Haribo oder Gewu\u0308rze vom Tu\u0308rken. Und ja, einige der Jugendlichen haben auch ein Handy. Schulz sagt, die Eltern sparten das Geld dafu\u0308r zusammen. Wenn sie ihren Kindern sonst schon kein geregeltes Leben ermo\u0308glichen, keine Perspektive bieten ko\u0308nnten, dann seien Smartphones die einzigen Dinge, die einen gewissen Status vermitteln ko\u0308nnten. Rau sei das Leben in Lebach, erza\u0308hlt der 14 Jahre alte Apel. Schnell komme es zu Streit; schon wenn Christen in der Gemeinschaftsku\u0308che Schweinefleisch brieten, ko\u0308nne das manche Muslime vera\u0308rgern. Bisweilen komme es zu Schla\u0308gereien, wegen Frauen, Zigaretten oder Haschisch. Seine Eltern lie\u00dfen seine Schwestern ungern allein vor die Tu\u0308r, sagt Apel, weil an den Ha\u0308userecken Ma\u0308nner herumlungerten und blo\u0308de Spru\u0308che rissen. Er selbst gehe nach 20 Uhr nur noch mit seinen Eltern nach drau\u00dfen. Die Sozialarbeiterin Sonia Kraft hat drei Jahre vor Ort gearbeitet. Sie sagt: \u201eNach 16 Uhr herrschen hier eigene Gesetze.\u201c<\/div>\n<div>Das Zusammentreffen unterschiedlicher Ethnien und Religionen sei schon schwierig genug, sagt sie, die Unsicherheit und Perspektivlosigkeit heizten die Situation weiter auf. Fu\u0308r manche Flu\u0308chtlinge sei es oft nicht einfach zu verstehen, warum einige eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten, sie selbst aber nicht. Und klar: Manche machten bewusst falsche Angaben, um sich selbst zu schu\u0308tzen oder andere, und einige wollten die ganzen Regeln und Gesetze auch nicht verstehen. Ku\u0308rzlich, erza\u0308hlt Kraft, habe sich ein Tu\u0308rke, dessen Asylantrag wegen seiner fru\u0308heren Mitgliedschaft in der Terrororganisation PKK abgelehnt worden sei, mit einem Bu\u0308geleisen an den Kopf geschlagen und eine Fensterscheibe zertru\u0308mmert. <a href=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_lina.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-586\" src=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_lina-682x1024.jpg\" alt=\"Lebach\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_lina-682x1024.jpg 682w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_lina-200x300.jpg 200w, http:\/\/kathrinklette.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schulz_stefanie_duldung_lina.jpg 945w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a><\/div>\n<div>Erschwerend kommen traumatische Erlebnisse auf der Flucht hinzu: Mit Kobra und ihrem Ehemann Asam Saidi lernte Schulz ein Paar kennen, das mit sechs To\u0308chtern aus Afghanistan u\u0308ber die Tu\u0308rkei und Italien nach Deutschland floh. Die Narben der 13 Jahre alten Lina zeugen noch heute von den Verletzungen, die sie auf der Flucht in Afghanistan durch Granatsplitter erlitt. Eine andere Tochter ging bei Gefechten verloren; inzwischen ist sie wieder aufgetaucht und lebt in Afghanistan bei den Gro\u00dfeltern. Sie ist 14 Jahre alt. Eine Familienzusammenfu\u0308hrung, hat Schulz bei ihrer Arbeit erfahren, ist im derzeitigen Verfahren nicht mo\u0308glich. Geduldete Kinder und Jugendliche unterliegen der Schulpflicht. Wa\u0308hrend Ga\u0308nge zu Beho\u0308rden, A\u0308rzten und Anwa\u0308lten den Alltag der Eltern strukturieren, ist fu\u0308r die Kinder und Jugendlichen die Schule mitunter der einzige Ort, an dem sie so etwas wie Normalita\u0308t erleben ko\u0308nnen. Apel besucht die achte Klasse einer Realschule. Seine Lieblingsfa\u0308cher, sagt er, seien Deutsch, Sport, Englisch und Musik. Spa\u0308ter wu\u0308rde er gerne eine Ausbildung zum Fliesenleger machen. Selten tra\u0308fen er und seine Freunde aus Lebach andere deutsche Kinder oder lu\u0308den sie gar zu sich nach Hause ein \u2013 zu gro\u00df ist die Scham. \u201eIhr seid doch nur die aus dem Lager\u201c, ha\u0308tten die gesagt. Kino oder Clubbesuche, Unternehmungen in Saarlouis oder Saarbru\u0308cken sind fu\u0308r die meisten Jugendlichen zu teuer. Stattdessen bleiben sie unter sich. Sie ho\u0308ren Musik, ziehen durch die Wohnblocks, spielen Fu\u00dfball oder Karten. Trotz aller Nachteile bietet die Gemeinschaft in Lebach auch Schutz: Jeder kennt jeden, und irgendjemand kocht immer gerade etwas zu essen oder la\u0308dt zu einem Tee ein.<\/div>\n<div>Viele der Jugendlichen ha\u0308tten auf sie a\u0308lter und ernster als fu\u0308r ihr Alter u\u0308blich gewirkt, sagt Schulz. Sie nennen sich selbst \u201eAusla\u0308nder\u201c, sind sie doch eigentlich nirgendwo zu Hause, weder in Deutschland, das sie eigentlich verlassen sollen, noch dort, in diesem fernen Land, das fu\u0308r ihre Eltern Heimat ist, das sie selbst aber nur aus dem Fernsehen oder aus Erza\u0308hlungen kennen. [Christ &amp; Welt, eine Beilage der Wochenzeitung Die Zeit, vom <a href=\"http:\/\/www.christundwelt.de\/themen\/detail\/artikel\/die-geduldeten\/\">19. Dezember 2013<\/a>; alle Bilder \u00a9 <a title=\"Stefanie Schulz\" href=\"http:\/\/www.schulzstefanie.de\/\">Stefanie Schulz]<\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blaue Wa\u0308nde, auf dem Boden eine Matratze mit blauem Bettlaken, darauf liegt Sania, 14 Jahre alt und aus Serbien, ausgestreckt auf dem Ru\u0308cken. Es ist ein Tag im Fru\u0308hling, Sania hat ihre Augen geschlossen und ha\u0308lt ihre Hand mu\u0308de vor das Gesicht. Auf der Matratze ein Stuhl, auf dem Sanias Nachbarin Lendita sitzt, 34 Jahre alt und aus dem Kosovo, sie blickt aus dem Fenster, isst ein Stu\u0308ck von einem Bro\u0308tchen. 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