{"id":403,"date":"2013-04-05T17:08:06","date_gmt":"2013-04-05T15:08:06","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrin-klette.de\/?p=403"},"modified":"2024-08-25T18:44:39","modified_gmt":"2024-08-25T16:44:39","slug":"nichts-ist-so-schlimm-wie-im-alter-zu-merken-das-leben-ist-vorbei-und-ich-habe-mich-nicht-getraut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=403","title":{"rendered":"&#8222;Viele haben verlernt, auf ihre innere Stimme zu h\u00f6ren&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Was soll ich im Restaurant essen, welchen Bewerber soll ich einstellen, muss ich Angst vor der Vogelgrippe haben? Das heutige Leben ist voller Gefahren und Herausforderungen. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut f\u00fcr Bildungsforschung in Berlin, erkl\u00e4rt, wie man sich richtig entscheidet. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Gefahren im Krankenhaus, untersch\u00e4tzte Risiken im Alltag und wie man die Liebe f\u00fcrs Leben findet. [\u00a9 evangelisch.de vom 05. April 2013, <a href=\"http:\/\/aktuell.evangelisch.de\/artikel\/81287\/intuition-oder-vernunft-ueber-das-risiko-sich-zu-entscheiden\">Link<\/a>]<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:21px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Herr Gigerenzer, angenommen, ich habe ein interessantes Job-Angebot in einer fremden Stadt. In meinem jetzigen Beruf dagegen l\u00e4uft es m\u00e4\u00dfig, aber ich f\u00fchle mich wohl. Was soll ich tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerd Gigerenzer: Nach der klassischen Entscheidungstheorie sammeln Sie zuerst viele Informationen und listen alle Argumente f\u00fcr beide Orte auf. Dann gewichten Sie jeden Aspekt mit einer Zahl: Ist Ihnen eine hohe Lebensqualit\u00e4t wichtig, bekommt sie eine f\u00fcnf. Ist Ihnen Geld ziemlich egal, bekommt es eine eins. Dann sch\u00e4tzen Sie, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mit der jeder Aspekt eintrifft. Im n\u00e4chsten Schritt multiplizieren Sie die Wahrscheinlichkeiten mit den Gewichten und addieren alles. Schlie\u00dflich entscheiden Sie sich f\u00fcr den Ort mit dem gr\u00f6\u00dften erwarteten Nutzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>H\u00f6rt sich kompliziert an.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gigerenzer: So handeln tats\u00e4chlich auch nur wenige Menschen. Letztlich gibt oft ein einziger Grund den Ausschlag: der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung, zum Beispiel, oder Neugierde auf eine neue Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>In Ihrem Buch schreiben Sie, wir lebten in einer &#8222;risikoinkompetenten Gesellschaft&#8220;. Was meinen Sie damit?<br><\/strong>Gigerenzer: Seit den letzten 50 Jahren sind wir in Deutschland so sicher wie nie zuvor. Wir leben l\u00e4nger, sind ges\u00fcnder. Trotzdem haben wir viele gro\u00dfe \u00c4ngste: vor Vogelgrippe, Schweinegrippe, BSE, Terrorismus. Zwar sind an der Schweinegrippe Menschen gestorben, aber wenige im Vergleich zu den Todesf\u00e4llen durch die normale Grippe. Die wirklichen Gefahren gehen v\u00f6llig unter.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welche sind das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gigerenzer: Zum Beispiel Rauchen, Motorrad fahren, aber auch Auto fahren. An den Folgen des Rauchens sterben in Deutschland jedes Jahr etwa hunderttausend Menschen. Jeder dritte Krebs entsteht durch Zigaretten. Hier hat man also das Leben wirklich selbst in der Hand. Das betrifft auch andere Risikofaktoren wie \u00dcbergewicht, zuckerhaltige Softdrinks, Bewegungsmangel und Alkoholmissbrauch. Der Ertrag durch Krebs-Fr\u00fcherkennung und der Krebsmedikamente ist dagegen gering, mit wenigen Ausnahmen wie dem Hodenkrebs.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie kann man lernen, Risiken realistisch einzusch\u00e4tzen?<br><\/strong>Gigerenzer: Das muss schon in der Schule anfangen. Kinder und Jugendliche sollten mehr Statistik und Psychologie lernen. Schlie\u00dflich geht es auch darum, sich selbst besser zu verstehen: Warum habe ich Angst? Warum m\u00f6chte ich so aussehen wie alle anderen? Noch immer finden es manche Jugendliche cool, zu rauchen oder betrunken zu sein. Deshalb sollten schon Kinder spielerisch lernen, wie Werbung verf\u00fchrt. Wir m\u00fcssen sie stark machen gegen \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse. Diese Wertevermittlung kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Oft sagen Menschen ja, sie h\u00e4tten sich aus dem Bauch heraus f\u00fcr etwas entschieden. K\u00f6nnen Gef\u00fchle ein gutes Leitsystem sein?<br><\/strong>Gigerenzer: Unbedingt. Was Sie beschreiben, ist Intuition, eine Form unbewusster Intelligenz, die auf Erfahrung beruht. Ein Fu\u00dfball-Spieler kann auch nicht erkl\u00e4ren, wie er ein Tor geschossen hat. Er macht es einfach. Intuition ist Wissen, das nicht in Sprache ausgedr\u00fcckt werden kann. Oft fallen intuitive Entscheidungen schnell. Das Problem ist, dass viele verlernt haben, auf ihre innere Stimme zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kommt das?<br><\/strong>Gigerenzer: Intuition wird oft verwechselt mit Willk\u00fcr oder g\u00f6ttlicher Eingebung. Deshalb wird sie in bestimmten Bereichen unserer Gesellschaft tabuisiert, vor allem unter Top-Managern, die sich vor ihren Vorgesetzten und Shareholdern verantworten m\u00fcssen. Manager treffen zwar viele Entscheidungen intuitiv, suchen aber oft sp\u00e4ter Gr\u00fcnde, damit sie scheinbar rational wirken.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie kann ich \u00fcben, wieder mehr auf meine innere Stimme zu h\u00f6ren?<br><\/strong>Gigerenzer: Vor Ihrer Entscheidung \u00fcber Ihren k\u00fcnftigen Job k\u00f6nnten Sie eine M\u00fcnze werfen. W\u00e4hrend sie sich in der Luft dreht, sp\u00fcren Sie vielleicht schon, welche Seite nicht oben liegen soll. Dann brauchen Sie gar nicht mehr auf das Ergebnis zu schauen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Geht es nicht zuerst ein bisschen einfacher, bitte?<br><\/strong>Gigerenzer: Na gut, nehmen wir ein Restaurant. Manche Menschen versuchen auch dort, ihr Ergebnis zu maximieren, sie wollen das Beste. Also lesen sie die gesamte Speisekarte, w\u00e4gen alles ab. Ich habe dagegen eine einfache Regel, mit der ich bisher immer zufrieden war. Ich frage den Ober, was er essen w\u00fcrde, und nehme das. Schlie\u00dflich ist er derjenige, der wei\u00df, was in der K\u00fcche los ist. Ich frage ihn nicht, was er empfiehlt, sonst f\u00e4ngt er an nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ich soll also meine Entscheidung einem Fremden \u00fcberlassen?<br><\/strong>Gigerenzer: Tats\u00e4chlich f\u00e4llt es vielen Menschen schwer, die Speisekarte nicht zu lesen, denn dann m\u00fcssten sie vertrauen. Das ist aber die Mutter aller Faustregeln. Man muss nur wissen, wem man vertrauen kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Woher wei\u00df ich das?<br><\/strong>Gigerenzer: Man muss verstehen, in welcher Situation der andere ist. Viele Deutsche haben immer geglaubt, dass ihr Bankberater nur das Beste f\u00fcr sie will. Dabei weisen ihm seine Vorgesetzten an, welche Versicherungen und andere Produkte er verkaufen soll. Viele Bankberater wollen also das Beste f\u00fcr die Bank, nicht notwendigerweise f\u00fcr Sie \u2013 sonst w\u00e4ren sie nicht lange Bankberater.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Aber auf \u00c4rzte kann ich mich doch verlassen?<br><\/strong>Gigerenzer: Auch \u00c4rzte haben oft Interessenkonflikte. Sie verdienen etwa an sogenannten IGeL-Leistungen, von denen man nicht unbedingt wei\u00df, ob sie n\u00fctzen oder sogar schaden. Viele \u00c4rzte haben auch nicht gelernt, wissenschaftliche Forschung zu verstehen. Konzerne k\u00f6nnen daher leicht eine Statistik so darstellen, dass ein Arzt eine Behandlung empfiehlt \u2013 oder eben nicht. Wenn es um Gesundheit oder Geld geht, sollte man selbst mitdenken.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kann die Religion ein guter Ratgeber sein?<br><\/strong>Gigerenzer: In solchen Konflikten kann der Glaube tats\u00e4chlich ein Korrektiv sein. Ein religi\u00f6s motivierter Arzt orientiert sich st\u00e4rker am Wohl des Kranken. Und ein \u00e4ngstlicher Patient kann durch den Glauben gelassener werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Liebe geht es weder um Statistik, noch um rationale Argumente. Wie finde ich den richtigen Partner f\u00fcrs Leben?<br><\/strong>Gigerenzer: Auch hier meinen einige Forscher, Heiratswillige m\u00fcssten erst eine gro\u00dfe Anzahl m\u00f6glicher Partner testen, bevor sie sich f\u00fcr den richtigen entscheiden k\u00f6nnten. Die Idee dahinter ist: Mehr ist immer besser. Das Problem ist nur, dass man in einem kurzen Menschenleben diesen in jeder Hinsicht idealen Partner wohl kaum finden kann. Und selbst wenn man ihn gefunden h\u00e4tte, w\u00fcrde man es ja nicht mit Sicherheit wissen. Manche M\u00e4nner folgen stattdessen einer einfachen Regel: Sie versuchen, die Frau zu bekommen, die ihre Freunde haben wollen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Gute Freunde k\u00f6nnen nicht irren?<br><\/strong>Gigerenzer: Freunde k\u00f6nnen sich irren, aber wenn man gemeinsam irrt, h\u00e4lt die Illusion l\u00e4nger an. Der Partner ist ja auch kein Auto, das gut oder schlecht ist. Eine Beziehung lebt von der Interaktion, das bedeutet, dass die andere Person auch zu dem wird, wie ich mich zu ihr verhalte. Ich sollte mich also auch fragen, was mir die andere Person geben kann, und was ich ihr geben kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Vor was muss ich wirklich Angst haben?<br><\/strong>Gigerenzer: Ich w\u00fcrde mich am meisten davor f\u00fcrchten, ein Leben zu f\u00fchren, das ich nicht selbst bestimme. Und dazu muss man Risiken eingehen. Wer keine Risiken eingeht, kann auch nicht gewinnen. Nichts ist so schlimm, wie im Alter zu merken: Das Leben ist vorbei, und ich habe mich nicht getraut.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Gerd Gigerenzer: &#8222;Risiko &#8211; Wie man die richtigen Entscheidungen trifft&#8220;. C. Bertelsmann Verlag M\u00fcnchen; 400 Seiten; 19,90 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was soll ich im Restaurant essen, welchen Bewerber soll ich einstellen, muss ich Angst vor der Vogelgrippe haben? 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