{"id":276,"date":"2012-02-06T20:56:47","date_gmt":"2012-02-06T20:56:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrin-klette.de\/?p=276"},"modified":"2019-01-15T16:43:06","modified_gmt":"2019-01-15T15:43:06","slug":"ich-denke-jeden-tag-an-die-tat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=276","title":{"rendered":"&#8222;Ich denke jeden Tag an die Tat&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizerin Nicole Dill, 42, \u00fcber Vertrauen und Vergebung<\/p>\n<p>SPIEGEL: 2007 wurden Sie von Ihrem damaligen Lebensgef\u00e4hrten elf Stunden lang gefoltert, vergewaltigt und beinahe mit einer Armbrust get\u00f6tet. Inzwischen haben Sie einen neuen Partner und sind Mutter eines Sohnes. Wie haben Sie wieder Vertrauen gefasst?<\/p>\n<p>Dill: Zuerst wollte ich keine M\u00e4nner an mich heranlassen. Musste ein Arzt einen Verband wechseln, war das schon ein gro\u00dfer Schritt. Ich musste alles neu lernen, sogar das Atmen. Beide Lungen waren ja angeschossen. Durch viele kleine Schritte habe ich wieder ins Leben gefunden. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen die Angst hochkommt, Dunkelheit zum Beispiel oder enge R\u00e4ume, er hatte mich ja in den Kofferraum gesperrt. Oder ein Mann, der dasselbe Parfum benutzt wie er.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Was hilft Ihnen?<\/p>\n<p>Dill: Ich fahre mit meinen Inlineskates Marathons. W\u00e4hrend dieser 42 Kilometer muss ich mich immer wieder selbst coachen, um nicht aufzugeben. Das hilft mir auch im Alltag. Ich sage mir dann: Du bist im Hier und Jetzt. Roland hat sich kurz nach seiner Inhaftierung umgebracht. Er kann mir nichts mehr tun.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Ihr Lebensgef\u00e4hrte war ein verurteilter M\u00f6rder und Vergewaltiger, der vorzeitig entlassen worden war, was Sie nicht wussten. War ihm nichts anzumerken?<\/p>\n<p>Dill: Ich h\u00e4tte nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass er ein M\u00f6rder ist. Roland war sympathisch und charmant, er hat mir h\u00e4ufig Schokoladenherzen geschenkt. Aber dann \u00e4nderte er sich. Wenn ich Freundinnen traf, wollte er mit. Er sagte: &#8222;Wenn du nichts zu verbergen hast, nimmst du mich mit.&#8220; Er folgte mir bis ins B\u00fcro. Ich war sein Besitz, konnte keinen Schritt ohne ihn gehen.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Worauf achten Sie heute, wenn Sie Menschen kennenlernen?<\/p>\n<p>Dill: Ich beobachte die Person haargenau, wie sie sich \u00e4u\u00dfert, wie sie sich bewegt. Ich bin zuerst sehr distanziert, und ich verlasse mich auf mein Bauchgef\u00fchl: F\u00fchle ich mich wohl in der Gesellschaft dieses Menschen oder nicht? In meinen jetzigen Mann habe ich mich erst sp\u00e4t verliebt, zuerst waren wir nur gute Freunde. In unserer ersten gemeinsamen Nacht konnte ich vor Angst nicht schlafen.<\/p>\n<p>SPIEGEL: K\u00f6nnen Sie Ihrem Peiniger vergeben?<\/p>\n<p>Dill: Das ist bei einer so schweren Tat nicht m\u00f6glich. Aber es hilft, wenn man wieder im Alltag verankert ist. Ich habe mich f\u00fcr den Weg nach vorn entschieden. Ich habe mich nie gefragt, warum ich das erlebt habe. F\u00fcr mich war wichtig, warum ich es \u00fcberlebt habe. Aber ich denke jeden Tag an die Tat.<\/p>\n<p>Nicole Dill: &#8222;Leben! Wie ich ermordet wurde&#8220;. Rowohlt Verlag, Reinbek; 208 Seiten; 8,99 Euro.<\/p>\n<p>[\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-83774691.html\">DER SPIEGEL<\/a>, 05\/2012]<\/p>\n<p>Heute unterst\u00fctzt Nicole Dill Opfer h\u00e4uslicher Gewalt und bietet mit der Website <a href=\"http:\/\/www.sprungtuch.ch\/\">&#8222;Sprungtuch&#8220;<\/a> eine erste Anlaufstelle f\u00fcr sie in der Schweiz an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizerin Nicole Dill, 42, \u00fcber Vertrauen und Vergebung SPIEGEL: 2007 wurden Sie von Ihrem damaligen Lebensgef\u00e4hrten elf Stunden lang gefoltert, vergewaltigt und beinahe mit einer Armbrust get\u00f6tet. Inzwischen haben Sie einen neuen Partner und sind Mutter eines Sohnes. Wie haben Sie wieder Vertrauen gefasst? Dill: Zuerst wollte ich keine M\u00e4nner an mich heranlassen. Musste ein Arzt einen Verband wechseln, war das schon ein gro\u00dfer Schritt. Ich musste alles neu lernen, sogar das Atmen. Beide Lungen waren ja angeschossen. Durch viele kleine Schritte habe ich wieder ins Leben gefunden. 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