{"id":258,"date":"2012-07-19T21:52:20","date_gmt":"2012-07-19T21:52:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrin-klette.de\/?p=258"},"modified":"2024-12-25T11:26:05","modified_gmt":"2024-12-25T10:26:05","slug":"hoffen-warten-runterschlucken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=258","title":{"rendered":"Hoffen, warten, runterschlucken"},"content":{"rendered":"\n<p>Silke ist eine intelligente, moderne Frau und die Geliebte eines verheirateten Mannes. Jahrelang wartet sie vergeblich darauf, dass er seine Frau f\u00fcr sie verl\u00e4sst. Warum verschwendet Silke ihr Leben? Nahaufnahme eines weiblichen Ph\u00e4nomens. [\u00a9 DIE ZEIT vom 19. Juli 2012, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/30\/DOS-Geliebte\">Link<\/a>] <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Jahrelang hat Silke auf Christoph gesetzt. Sie war seine Geliebte, dann hat sie bei ihm gewohnt. Und jetzt ist alles, was ihr von ihm bleibt: das Fotoalbum vom letzten gemeinsamen Italien-Urlaub, ein paar Geschenke und eine braune Wolldecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Wochen ist sie aus seinem Haus, in dem sie drei Jahre gemeinsam verbracht hatten, ausgezogen. Sie hat nur ihre eigenen M\u00f6bel mitgenommen: CD-Regal, Beistelltisch, Stehlampe. Dazu ihre Kleidung, den Laptop, ein paar B\u00fccher und ihre Thermomix-K\u00fcchenmaschine. Die Sachen hat sie in ihren roten \u0160koda gestopft und ist ein paar D\u00f6rfer weiter gefahren, zu ihrer neuen Adresse. Ihr Auto war voll bis unters Dach, ihr Herz war leer. So ist es eben, wenn nach zehn Jahren pl\u00f6tzlich alles aus ist. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Jahre lang war Silke, die heute 34 ist, Christophs Geliebte, drei Jahre seine offizielle Freundin. Sie hing in der Warteschleife, allzeit bereit. Sie wurde hingehalten, vertr\u00f6stet, verleugnet. Und sie hat mitgespielt. Bereitwillig hat sie die Rolle der Frau \u00fcbernommen, die es nicht geben durfte. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns in einem Dorf auf dem flachen Land, irgendwo in der deutschen Ein\u00f6de. Silke wohnt auch seit der Trennung immer noch in Christophs Dunstkreis. Nur zehn Kilometer von ihm entfernt. Kurz vor dem Ortsausgang, wo die Landstra\u00dfe in einen Tannenwald f\u00fchrt, biegt man auf eine Zufahrt. Hier ist Silkes neue Bleibe: eine sanierte ehemalige Kaserne aus rotem Klinker. Im Erdgeschoss: zwei Zimmer, K\u00fcche, Bad, der Boden aus Laminat. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das braune Sofa, das Regal mit den B\u00fcchern (Die perfekte Liebhaberin; M\u00e4nner sind anders, Frauen auch) und den flachen Fernsehtisch hat Silke aus ihrer fr\u00fcheren Wohnung geholt, die sie seit Jahren untervermietet hat. Das Bett hat sie im Internet ersteigert \u2013 ein wei\u00dfes Doppelbett, in dem sie allein schl\u00e4ft. Auf der Couch im Wohnzimmer liegt zusammengefaltet die Wolldecke. Christoph hat ihr darin den gemeinsamen Kater \u00fcberreicht, den sie unbedingt behalten wollte. Sie nennt den Kater ihren \u00bbKinderersatz\u00ab, im Spa\u00df nat\u00fcrlich \u2013 aber irgendwie auch ein bisschen im Ernst, denn auch auf Kinder, die sie sich so sehr w\u00fcnschte, hat sie immer vergeblich gewartet. Am schlimmsten, sagt Silke, sei jetzt die Einsamkeit, wenn abends niemand zu Hause sei, das Brummen des K\u00fchlschranks in der Stille. Diese Wohnung ist kein richtiges Zuhause, aber zu Hause war sie auch bei Christoph nicht. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Vor langer Zeit hatte Christoph sein Haus, wei\u00dfer Klinker, braunes Satteldach, mit seiner Frau Ruth gebaut. Etwa dreihundert Menschen leben in Christophs Dorf, viele H\u00e4user sind grau und verfallen. \u00bbDa soll er erst mal jemanden finden, der das macht, von der Gro\u00dfstadt hierher ziehen, ganz ohne Freunde\u00ab, sagt Silke. Vor dem Haus eine Garage und ein geharktes Beet mit Str\u00e4uchern und breit grinsendem Keramikfrosch. Hinter dem Haus, im Garten: Pool, Grill, Tischtennisplatte. Als Ruth 2004 aus- und Silke 2009 einzog, h\u00e4tten die Nachbarn sagen k\u00f6nnen, die Geliebte habe sich ins gemachte Nest gesetzt. Silke dagegen sagt, sie habe sich dort immer nur geduldet gef\u00fchlt. Gemeinsame M\u00f6bel hat sie mit Christoph nie gekauft. Auf dem Klingelschild stand nicht einmal ihr Name. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Silke hat viel hingenommen und viele Tr\u00e4nen verbissen f\u00fcr diese Beziehung. Und vor allem hat sie gewartet. Aber es w\u00e4re unzutreffend, sie f\u00fcr ein geducktes M\u00e4uschen zu halten. Silke sieht gut aus und wusste sich schon fr\u00fch zu helfen: Mit 16 Jahren flog sie f\u00fcr ein Highschool-Jahr nach Chicago, richtete ihre erste eigene Wohnung allein ein. Heute arbeitet sie als Assistentin der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung in einem mittelst\u00e4ndischen Unternehmen. Dort ist sie auch f\u00fcr Personalangelegenheiten zust\u00e4ndig, nicht offiziell, aber doch so anerkannt, dass die Kollegen oft davon ausgehen, dass sie die Entscheidungen trifft. Gerade macht sie ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre \u2013 die j\u00fcngste Klausur hat sie mit der Note 1,0 bestanden. Sie verdient so viel, dass sie auf einen Mann nicht angewiesen w\u00e4re. Silke hat noch viel vor in ihrem Beruf, deshalb will sie ihren wirklichen Namen, die genauen Orte und identifizierbare Details nicht ver\u00f6ffentlicht sehen. Christoph wollte sich gegen\u00fcber der ZEIT zum Thema Silke nicht \u00e4u\u00dfern. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Silke sagt, sie habe sich sofort in Christoph verliebt: in seine blauen Augen, seine zupackende, gewinnende Art, seinen Charme, seinen Duft. Nach jedem ihrer heimlichen Treffen und auch sp\u00e4ter noch strubbelte sie durch seine raspelkurzen, immer wei\u00dfer werdenden Haare, damit sein Parfum an ihren H\u00e4nden haften bliebe. Im September 1997 war er in ihren Tischtennisverein gekommen. Da war sie 19 Jahre alt. Damals verk\u00f6rperte Christoph mit seinen 33 Jahren f\u00fcr sie Lebenserfahrung und Weltgewandtheit. Silkes Fotos zeigen ihn in Skischuhen und im Fleecepulli, Christoph mit Bierflasche vor sich auf dem Tisch und Kumpel im Arm. Er ist ein Macher, ein Kerl. Kann Rasenm\u00e4her reparieren, Laminat verlegen, schmei\u00dft die Stimmung auf jeder Party. Sp\u00e4ter, so erz\u00e4hlt sie, habe sie sich oft gefragt, womit sie es verdient habe, dass ausgerechnet ein so \u00bbtoller Mensch\u00ab wie er etwas mit ihr habe angefangen wollen. Er war der erste Mann, in den sie richtig verschossen war. Dass er verheiratet war und mit der gleichaltrigen Ruth einen Sohn im Teenageralter hatte, erfuhr Silke erst, nachdem sie ihr Herz verloren hatte, durch einen Nachbarn. Da war es zu sp\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar 1998 die erste gemeinsame Nacht. Sie gingen ins Kino: Titanic. Sp\u00e4ter, im Hotel, bestellte Christoph eine Flasche Champagner. Er machte ihr Komplimente, h\u00f6rte ihr zu, war aufmerksam. \u00bbNach dieser Nacht dachte ich: Jetzt geh\u00f6rt er mir\u00ab, sagt Silke. Bald gestand Christoph, er werde sich niemals von Ruth trennen. Doch Silke entgegnete: \u00bbDas glaube ich dir nicht.\u00ab Damals fand sie die eigene Einstellung romantisch. Sp\u00e4ter, mit Mitte zwanzig, dachte sie: Es ist Schicksal, eine normale Beziehung ist eben nicht f\u00fcr mich vorgesehen. Heute findet sie sich naiv. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Nur jede zehnte Geliebte gewinnt \u2013 und der Mann verl\u00e4sst seine Ehefrau<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>In den seltensten F\u00e4llen haben es Frauen darauf angelegt, die Geliebte zu sein. Meist ist es irgendwie nach und nach dazu gekommen. Zu Beginn, hat Gerti Senger, eine \u00f6sterreichische Paarpsychologin und Autorin des Sachbuchs Schattenliebe, festgestellt, ist es ein prickelndes, verbotenes Fest, ein Rausch der Gef\u00fchle: \u00bbeine Perlenkette aus Sternstunden\u00ab. Es ist die Zeit, in der noch keiner nach der Zukunft fragt und ein einst\u00fcndiges Treffen schon reines Gl\u00fcck bedeutet. Aber irgendwann steigen die Anspr\u00fcche, und die Geliebte sehnt sich nach allem, was zu einer normalen Beziehung geh\u00f6rt: sich zeigen und Hand in Hand spazieren gehen, keine verdrucksten Treffen in der Kneipe im n\u00e4chsten Ort, in dem niemand einen kennt. Die Geliebte wei\u00df aber auch: Wenn sie mehr will, muss sie das bisherige Leben der Ehefrau und das der Kinder zerst\u00f6ren. Dieser Zwiespalt kann einen Menschen in erhebliche Bedr\u00e4ngnis bringen; Senger nennt es einen \u00bbemotionalen Ausnahmezustand\u00ab. So beginnt das gro\u00dfe Warten auf den geeigneten Moment und damit die Zeit, in der Liebe vor allem Verzicht bedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es nicht unm\u00f6glich, dass ein Mann seine Frau f\u00fcr die Geliebte verl\u00e4sst. Es ist blo\u00df ziemlich unwahrscheinlich. Im Jahr 2008 hat die Gesellschaft f\u00fcr erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung eine Statistik \u00fcber Geliebte vorgelegt. Demnach verl\u00e4sst nur jeder zehnte Ehemann seine Frau f\u00fcr die Aff\u00e4re. Das muss nicht unbedingt f\u00fcr die Ehe sprechen. Es sagt blo\u00df viel \u00fcber den Stellenwert einer Geliebten aus. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Geliebte verliert immer\u00ab, schreibt Roman Maria Koidl in seinem Bestseller Schei\u00dfkerle: \u00bbWenn sich Ihr neuer Flirt oder sogar verheirateter Liebhaber nicht innerhalb weniger Wochen eindeutig zu Ihnen bekennt, ist er Ihrer nicht wert. Schluss \u2013 und zwar sofort!\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gattin hat einen entscheidenden Vorteil: Sie ist schon l\u00e4nger da \u2013 und die Geliebte muss erst einmal besser sein als sie. Die Ehepartner verbinden viele sch\u00f6ne Erinnerungen, m\u00f6glicherweise Kinder und gemeinsames Eigentum. Der Schauspieler Fritz Wepper und der bayerische Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer sind zwei prominente Beispiele aus j\u00fcngerer Vergangenheit, die nach ihren Aff\u00e4ren kleinlaut nach Hause zur\u00fcckkehrten. Nur f\u00fcr wenige Frauen wie die Bertelsmann-Chefin Liz Mohn und Camilla Parker-Bowles, die Dauergeliebte von Prinz Charles, war das Leben als Zweitfrau die Durchgangsstation auf dem dornenreichen Weg zur Gattin. Nur die wenigsten Geliebten, sagt Gerti Senger, seien mit ihrem Status als zweite Geige zufrieden. Die meisten w\u00fcnschen sich eine verl\u00e4ssliche Zweisamkeit: \u00bbWer teilt schon gerne seinen Mann?\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zweitpartner, die sich verstecken, sind fast immer Frauen. In den Internetforen, in denen Geliebte sich austauschen und Hilfe suchen, ist die \u00fcberwiegende Mehrheit der Diskussionsteilnehmer weiblich. M\u00e4nner, so hat es Gerti Senger beobachtet, sind nur selten bereit, als aussichtslos Liebende eine Beziehung im Abseits zu f\u00fchren. Vor allem nicht, wenn diese Beziehung asymmetrisch, also die Frau verheiratet und der Mann ledig ist: \u00bbDie meisten M\u00e4nner sitzen vielleicht drei Wochen zu Hause und warten, dann reicht es ihnen.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wohl das ihnen eigene Selbstwertgef\u00fchl, das M\u00e4nner daran hindert, sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum als zweite Besetzung zu etablieren. Frauen dagegen, das muss leider immer noch so gesagt werden, sind weitaus h\u00e4ufiger bereit, sich aufzuopfern. Frauen pflegen den kranken Vater, Frauen machen die Hausarbeit, Frauen stehen nachts auf, wenn das Baby schreit. \u00bbFrauen\u00ab, sagt Gerti Senger, \u00bberledigen noch immer den Gro\u00dfteil der nicht geachteten und unbezahlten Arbeit.\u00ab Und sie sind es auch fast immer, die in die Rolle des Nebenpartners rutschen, f\u00fcr den es hei\u00dft: hoffen, warten, runterschlucken. Im 21. Jahrhundert leben Tausende von Geliebten das weibliche Rollenmuster in seiner traditionellsten Form aus. Daran haben auch f\u00fcnfzig Jahre Emanzipation nichts ge\u00e4ndert. Warum tun sie sich das an? <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In Internetforen kann man auch erkennen, dass heimliche Verh\u00e4ltnisse von mehreren Jahren keine Seltenheit sind. Ungl\u00fccklich verliebte Frauen berichten, wie erleichtert sie waren, als der Mann endlich eine E-Mail beantwortet hatte. Sie schreiben \u00fcber erk\u00e4mpfte Kurzurlaube oder beklagen den x-ten erfolglosen Versuch, die Beziehung zu beenden. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Damals, mit Mitte zwanzig, las auch Silke solche Berichte. Einmal entspann sich ein Dialog mit mehreren Teilnehmern, als eine Frau mit dem Spitznamen \u00bbreality\u00ab Hilfe suchte. Sie hatte gerade eine Aff\u00e4re mit einem verheirateten Mann begonnen, Silke warnte die Leidensgenossin, indem sie ihre eigene Geschichte erz\u00e4hlte. Sie schrieb damals: \u00bbIch bin in diese Beziehung reingewachsen und komme nicht mehr raus. Er ist zu meinem Lebensinhalt geworden, obwohl ich mein Leben nicht als leer bezeichnen kann. Ich habe einen Job, der mich ausf\u00fcllt, habe mein Hobby und Freunde. Aber all diese Sachen machen mir nur so lange Spa\u00df, solange es mit IHM gerade gut l\u00e4uft. Ich verliere s\u00e4mtliche Motivation und Lebensfreude, wenn wieder ein Treffen nicht klappt, wir uns streiten oder ich mitbekomme, was er mit IHR gerade unternommen hat etc. (&#8230;) bitte bitte lass ihn laufen! Tu es f\u00fcr dich!\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbreality\u00ab antwortete: \u00bbdu sagst ich soll ihn laufenlassen, h\u00e4ttest du es gekonnt? auch wenn dir andere es geraten h\u00e4tten, h\u00e4ttest du ihn loslassen k\u00f6nnen? ich muss ganz ehrlich sein. ich will es nicht.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Silke darauf: \u00bbDas Dumme an unserer Situation ist, dass wir die Hoffnung einfach nicht begraben k\u00f6nnen, dass er sich irgendwann f\u00fcr uns entscheidet. Man hofft immer, eine der 10 % zu sein, die ihren verheirateten Freund letztendlich f\u00fcr sich gewinnen.\u00ab Was aus \u00bbreality\u00ab geworden ist, hat Silke nie erfahren. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Beziehung zu Christoph begann, ging Silke noch zur Berufsschule. In jeder Pause telefonierte sie mit ihm, und auch sonst bei jeder Gelegenheit. Endlos waren die Gespr\u00e4che, eine halbe Stunde, eine Dreiviertelstunde. Meist ging es darum, dass Christoph ein Treffen absagte, weil wieder irgendetwas mit seiner Frau war. Weil Silkes Nummer nicht auf Christophs Rechnung auftauchen durfte, w\u00e4hlte er sie nur kurz an und lie\u00df ihr Handy klingeln. Sie rief ihn prompt zur\u00fcck \u2013 und bezahlte alle Gespr\u00e4che. Die Prepaidkarten, die Silke verbraucht hat, haben sich mit der Zeit in einer Holzkiste angesammelt. Vor ein paar Jahren rechnete sie einmal den gemeinsamen Wert aller Karten aus: Es waren 2500 Euro. Die Beziehung zu Christoph war auch im w\u00f6rtlichen Sinne auf Silkes Kosten gegangen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Woche zehrte sie von den Telefonaten und SMS. Sie sprachen jeden Morgen miteinander, wenn Christoph im Auto zur Arbeit fuhr. Wenn er sich mal nicht zwischen sieben und halb acht meldete, sei sie fast wahnsinnig geworden, erinnert sich Silke. Abends bewachte sie manchmal lieber das Telefon, als mit Freunden auszugehen. Die, sagt Silke, h\u00e4tten ihre Klagen ohnehin nicht mehr h\u00f6ren k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte, so stellt Gerti Senger fest, bugsieren sich oft in die selbst verschuldete Isolation. Weil sie bei Freunden und Familie meist kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihr Leben und Leiden finden, ziehen sie sich zur\u00fcck. Auch Silke wollte die Warnungen nicht h\u00f6ren. Ihre Mutter nahm sie zwar manchmal beiseite, wenn Christoph sich abf\u00e4llig \u00fcber Silke \u00e4u\u00dferte, und deren j\u00fcngere Schwester Daniela sagt, sie habe Silke, wenn die mal wieder am Boden lag, in stundenlangen Telefonaten beschworen, zu erkennen, dass Christoph schlecht f\u00fcr sie sei. Daniela fand es merkw\u00fcrdig, dass es keinerlei liebevolle Geste zwischen den beiden gab, dass Christoph Silke nicht einmal in den Arm nahm oder ihre Hand dr\u00fcckte. Eher, so schien es ihr, wirkten sie wie gute Bekannte. Vier oder f\u00fcnf Mal hatte Christoph genug von Silke, jedes Mal hoffte Daniela, dies w\u00e4re jetzt das letzte Mal. Dann kam Silke mit den Pl\u00e4nen zum Umzug in Christophs Haus auf dem Land an: \u00bbEs war, als ob sie sich aufgegeben h\u00e4tte\u00ab, sagt Daniela. Aber was h\u00e4tten sie und die Mutter schon tun k\u00f6nnen? Wenn Silke die Kritik zu heftig wurde, zog sie sich zur\u00fcck \u2013 und sie ganz zu verlieren, wollten beide nicht riskieren. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zieht sich die Geliebte von allen zur\u00fcck, beginnt oft ein Teufelskreis, dann ist der heimliche Partner die einzig verbliebene Quelle f\u00fcr Best\u00e4tigung, wodurch seine Position noch m\u00e4chtiger wird. Meist, sagt Gerti Senger, fingen die Frauen dann an, ihren Liebhaber zu idealisieren, was sie noch st\u00e4rker an ihn fessle. Doch je abh\u00e4ngiger die Geliebte wird, desto unsicherer wird sie auch. Und je unsicherer sie ist, desto mehr w\u00e4chst die Abh\u00e4ngigkeit. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>850 Kilometer rast sie \u00fcber die Autobahn \u2013 nur um ihn kurz zu sehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>An den Wochenenden, wenn Christoph bei Frau und Sohn war, hatte Silke Kontaktverbot. Keine Anrufe, keine SMS. Irgendwann schaltete Christoph sein Handy ganz ab. Weil der sehnsuchtsvollen Silke die Wochenenden aber zu lang wurden und Ruth das ausgeschaltete Handy misstrauisch stimmte, kaufte Silke f\u00fcr Christoph ein Zweithandy, das er in sein Auto legte. Wenn er schon nicht f\u00fcr sie da war, konnte sie ihm so immerhin schreiben. Zehn SMS am Tag werden es wohl gewesen sein. Nicht allein zu sein, zu wissen, dass da wenigstens als Adressat ihrer Gedanken jemand ist \u2013 Silke gab sich damit zufrieden, auch wenn sie nur dann mit einer Antwort rechnen konnte, wenn Christoph sich mal von zu Hause losriss und in den Baumarkt fuhr. \u00dcber die Weihnachtstage war sie froh, wenn er \u00fcberhaupt schrieb. Fuhr er mit Frau und Sohn in den Urlaub, kam bestenfalls eine SMS in zwei Wochen.850 Kilometer rast sie \u00fcber die Autobahn \u2013 nur um ihn kurz zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sie steckte ihm Zettel mit Gedichten zu, kleine Briefe. Einmal lie\u00df sie sich wie seine Frau im Nagelstudio French Nails aufkleben, weil sie dachte, Christoph gefalle das. F\u00fcr 200 Euro kaufte sie einen alten Arztkoffer, weil er \u00bbAntikes\u00ab gut fand. Die erotischen Fotos, die die 24-j\u00e4hrige Silke f\u00fcr 600 Euro von sich anfertigen lie\u00df, gab er ihr wieder zur\u00fcck. Er konnte sie nicht mit nach Hause nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dreimal in der Woche trafen sie einander. Ort und Zeit der Treffen bestimmte immer Christoph, sie waren wohlorganisiert zwischen seiner Arbeit im Au\u00dfendienst, dem Sport und der Familie. Dienstag- und freitagnachmittags fuhr er vor dem Tischtennis immer fr\u00fcher zu Hause los. So konnten sie noch in Silkes Zweizimmerwohnung zu Abend essen, Salat mit frisch gepresstem Orangensaft. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mittwochs fuhren Silke und Christoph f\u00fcr eine Stunde in den Wald. Mit seiner Frau, sagte er ihr damals, laufe in dieser Hinsicht schon lange nichts mehr. Silke lebte auf diese drei Tage hin. Mit einem Abdeckstift kaschierte sie kleine Pickel, sie zog sich ein sch\u00f6nes Oberteil an, eine dunkle Hose, keine Jeans. Nie trug sie Minirock oder Stiefel. Sie wollte nicht billig wirken. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der gemeinsamen Stunden telefonierte Christoph nie mit seiner Frau. Zu gro\u00df war das Risiko, sich durch den m\u00f6glicherweise ver\u00e4nderten Klang der Stimme zu verraten. Auch wichtig: die Haarkontrolle nach jedem Treffen. Keines von Silkes langen Haaren durfte auf Christophs Pullover zu sehen sein. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal planten sie heimliche Treffen in Hotels, wenn Christoph auf Dienstreise war. Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt. Dann fuhr Silke ihm hinterher. Weil er am Nachmittag noch seine Kollegen traf, legte er den Zimmerschl\u00fcssel auf den Reifen seines Firmenwagens, sodass Silke, wenn sie am Abend ankam, schon aufs Zimmer gehen konnte. Morgens, bevor die anderen zum Fr\u00fchst\u00fcck gingen, schlich sie wieder davon. Keiner seiner Kollegen durfte was merken. Silke sagt heute, sie habe diese Treffen trotzdem genossen, denn dann hatte sie ihn eine Nacht ganz allein f\u00fcr sich. \u00bbDamals habe ich zu 97 Prozent gelitten\u00ab, sagt sie, \u00bbaber die drei Prozent, die ich genossen habe, wogen alles wieder auf.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Was bei all dem Versteckspiel auf der Strecke blieb, war Silkes Beruf. Mit Anfang zwanzig, zum Ende ihrer Ausbildung hin, dachte Silke nicht an die Karriere. \u00bbF\u00fcr mich war nur wichtig: Welchen Job kann ich machen, um Christoph weiter tags\u00fcber treffen zu k\u00f6nnen?\u00ab, sagt sie. So ging sie wie er in den Au\u00dfendienst, obwohl ihr die Arbeit \u00fcberhaupt keine Freude machte. \u00bbTotaler Schwachsinn\u00ab, sagt sie heute. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Einarbeitung musste sie damals f\u00fcr drei Monate in eine andere Stadt ziehen, ans andere Ende der Republik. Jeden Freitag raste sie in ihrem Auto 850 Kilometer nach Hause, sieben, acht Stunden auf der Autobahn. Unter der Woche arbeitete sie vor und sammelte \u00dcberstunden an, damit sie am Freitag schon um elf Uhr das B\u00fcro w\u00fcrde verlassen k\u00f6nnen. So konnten sie sich wenigstens f\u00fcr eine Stunde vor dem Tischtennistraining sehen. Das war die Ausbeute des Wochenendes. Einmal, da war sie schon fast zu Hause angekommen, leuchtete eine SMS von Christoph auf: Kann leider nicht kommen. Sie hatte den ganzen Weg umsonst gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Warum wird eine Frau zur Dauergeliebten? Ist es Masochismus? Selbsthass? Mangelnde Selbstachtung? Die Furcht, keinen anderen mehr zu finden? Ist es eine Mischung aus Erziehung, Erlebnissen, gesellschaftlichen Erwartungen und Zuf\u00e4llen? Oder ist es Ideologie? <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Meist gehe es darum, sagt der Paartherapeut Ragnar Beer, dass Menschen trotz aller Freiheit und Selbstentfaltung, die ihnen heute offenst\u00fcnden, nichts so sehr w\u00fcnschten wie eine feste, verl\u00e4ssliche Beziehung. Und manche Menschen sind offenbar bereit, mehr als das Ertr\u00e4gliche daf\u00fcr zu tun. Bleibt die Frage, ob ihre enormen Investitionen sich irgendwann tats\u00e4chlich auszahlen oder ob sie nicht zuletzt auf den Kosten sitzen bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade die heutige Zeit mit ihren Begleiterscheinungen wie Mobilit\u00e4t, Individualisierung und Vereinzelung beg\u00fcnstigt das Entstehen solcher Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse. Die sozialen Beziehungen werden immer unzuverl\u00e4ssiger und br\u00f6ckeln; Kinder, Eltern, Gro\u00dfeltern und Freunde leben \u00fcber die ganze Welt verstreut. Zwischen Liebenden liegt manchmal der Atlantik oder ein ganzer Kontinent. Verbindliche Zusagen und Treueschw\u00fcre verlieren an Wert, jede dritte Ehe wird geschieden, die Zahl der Singlehaushalte steigt, die Zahl der Einsamen auch \u2013 M\u00e4nner und Frauen suchen verzweifelt nach Zuwendung. Die gesellschaftlich aufgezwungenen Vorstellungen vom \u00bbrichtigen Leben\u00ab und von der \u00bbrichtigen Liebe\u00ab k\u00f6nnen sich in diesem Vakuum zu einer pers\u00f6nlichen Ideologie aufbl\u00e4hen. Die davon Besessenen klammern sich an ihre Tr\u00e4ume wie Erich Honecker an die Idee vom Sozialismus, w\u00e4hrend das Leben unter ihnen zusammenbricht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Silke, die im Verborgenen interessant war, wird langweilig, als sie Alltag ist<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Ihre zunehmende finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit erlaubt es den Frauen auf der Suche nach Liebe, durchaus einmal etwas zu riskieren. Romanfiguren wie Anna Karenina, Effi Briest und Madame Bovary illustrieren eindrucksvoll, wie es verheirateten Frauen erging, die sich im 19. Jahrhundert einen heimlichen Liebhaber gestatteten: Kam die Liaison heraus, war ihr Ruf ruiniert und die Existenz zerst\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Heute leiden die Frauen an ganz anderen Zw\u00e4ngen: Sie laufen im Hamsterrad ihrer eigenen Anspruchssysteme. Sie haben exakte Vorstellungen davon, wie Gl\u00fcck auszusehen hat, und laborieren an den Defiziten, die die Realit\u00e4t zwangsl\u00e4ufig mit sich bringt. Die st\u00e4ndige Besch\u00e4ftigung mit dem Mangel an Gl\u00fcck verschlie\u00dft ihnen schlie\u00dflich den Blick auf die m\u00f6glichen Freuden des Lebens. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Heute haben die Menschen mehr Gelegenheiten denn je, einen m\u00f6glichen Partner kennenzulernen, und alle n\u00f6tigen elektronischen Ger\u00e4te, um heimliche Treffen zu arrangieren: Sie wechseln h\u00e4ufiger die Arbeit und machen Gesch\u00e4ftsreisen in ferne St\u00e4dte, sie haben mehrere Handys und E-Mail-Adressen, und wenn sie sich einsam f\u00fchlen, durchst\u00f6bern sie in Partnerb\u00f6rsen ein unendliches Flirt-Angebot. Fr\u00fcher, als die Gemeinschaft und damit die soziale Kontrolle st\u00e4rker waren, fielen Aff\u00e4ren leichter auf. Heute kennt man oft nicht einmal den Nachbarn, geschweige denn die Personen, die bei ihm ein und aus gehen. So liebt jeder f\u00fcr sich allein. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Aber grenzenlose Freiheit macht die Liebe eben auch immer prek\u00e4r und den Liebenden besonders verletzlich und besonders bed\u00fcrftig. Deshalb m\u00fcsste es umso wichtiger sein, seine eigenen Grenzen zu kennen und zu achten \u2013 und diese auch gegen\u00fcber dem Partner durchzusetzen. Erwachsen und emanzipiert zu sein, sagt der Paartherapeut Beer, hei\u00dft eben auch, sich um das eigene Wohlergehen zu k\u00fcmmern und sich einen Partner zu nehmen, der es gut mit einem meint und nicht blo\u00df die eigenen Interessen im Blick hat. Dazu geh\u00f6rt auch, sich von Menschen zu trennen, die einem nicht guttun. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Christoph sicher vorwerfen, dass er das mangelnde Wissen der viel j\u00fcngeren Silke um die eigenen Grenzen ausgenutzt hat. Aber Silke ihrerseits wurde zwar \u00e4lter, doch nicht kl\u00fcger. Sie wollte dem Idealbild entsprechen, von dem sie glaubte, Christoph mache es sich von Frauen. Und wom\u00f6glich hat sie ihn gerade dadurch um die Chance gebracht, dazuzulernen: zu lernen, sie zu achten. Welcher Mensch bem\u00fcht sich schon um ein Gl\u00fcck, das sich ihm aufdr\u00e4ngt? Andererseits wurde Silke durch das chronische Verbiegen und Verbergen selbst immer bitterer und unzufriedener und fing an, Christoph auf die Nerven zu gehen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Jahre lang erlebte Silke ein Hin und Her aus Hingabe und Verweigerung. Doch 2004 kam der gro\u00dfe Moment. Christophs Frau Ruth war endlich aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen: Christoph hatte sie herausgeworfen, er hatte keine Lust mehr, mit ihr zusammenzuleben. Das gemeinsame Kind war gro\u00df, und Ruth orientierte sich um. Jetzt wollte Silke heraus aus dem Dunkel, jetzt wollte auch sie zu ihrem Recht kommen. Also rief sie Ruth an und bat die \u00dcberraschte um ein Treffen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein n\u00fcchternes Gespr\u00e4ch. Bei einem Glas Wasser sa\u00dfen Christophs Frauen in Ruths neuer Wohnung einander gegen\u00fcber. Silke hatte einen Stapel Fotos von sich und Christoph mitgebracht, als Beweismittel sozusagen, sie wollte sichergehen, dass Ruth ihr die Geschichte von der langen Lovestory auch abnehmen w\u00fcrde. Bis heute glaubt Silke, dass Ruth bis dahin nichts von dem Verh\u00e4ltnis ahnte. Ruth habe damals recht gefasst reagiert, sagt Silke, doch sp\u00e4ter muss sie Christoph die H\u00f6lle hei\u00df gemacht haben. Denn die ganze Sache ging nach hinten los. Christoph machte Silke aufgrund ihrer Offenbarung w\u00fctende Vorw\u00fcrfe. Dann verlie\u00df er sie. In den n\u00e4chsten Jahren hatte er eine andere Freundin. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Silke sah sich in dieser Zeit auch nach anderen M\u00e4nnern um \u2013 und sicher, es gab welche. Sie traf sich mit zwei Internet-Bekanntschaften, doch als die sie wiedersehen wollten, zog sie sich zur\u00fcck. Die Gef\u00fchle f\u00fcr Christoph waren st\u00e4rker. Au\u00dferdem habe sie das schon wieder genervt, sagt Silke, diese N\u00e4he. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als sich Christoph 2008 wieder per SMS meldete, wollte Silke ihn eigentlich zappeln lassen, aber dann fuhr sie doch noch am selben Abend zu ihm. \u00bbEr musste blo\u00df mit dem Finger schnippen, ruck, zuck war ich da\u00ab, sagt sie. Und 2009 durfte Silke endlich zu Christoph ziehen. Ruth hatte damals den Kontakt zu ihm abgebrochen. \u00bbDa war erst mal Ruhe an der Front\u00ab, sagt Silke. Nun, da die Bahn frei war f\u00fcr sie, h\u00e4tte alles gut werden k\u00f6nnen, doch nichts wurde gut. Im Gegenteil: Die Beziehung verschlechterte sich und blieb zun\u00e4chst so heimlich, wie sie begonnen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Da war die Angst, er k\u00f6nnte zu seiner Ehefrau zur\u00fcckkehren, die Angst, er k\u00f6nnte eine neue Frau kennenlernen \u2013 die Angst hat Silke nie verlassen. Nie konnte sie sich sicher f\u00fchlen. Einmal, als sie Hand in Hand \u00fcber ein Stadtfest liefen, schlug ihr Christoph vor, ihre Hand zu dr\u00fccken, wann immer er eine h\u00fcbsche Frau sehe. Er dr\u00fcckte ihre Hand an diesem Nachmittag sehr h\u00e4ufig. Silke sagt, ihre Beziehung sei an der unsichtbaren Konkurrenz gescheitert. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich war auch Ruth irgendwie immer noch da \u2013 trotz Trennung und Auszug. Wenn Silke im Flur die Marmortreppe hinaufging, lief sie jedes Mal an Ruths h\u00e4sslichen azurgr\u00fcnen Gardinen vorbei. Silke wollte sie abnehmen, aber Christoph war dagegen. Er sah keinen Grund, die Dinge zu \u00e4ndern. Bis heute ist er mit Ruth verheiratet, und geht es nach ihm, wird das auch so bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Christoph und Ruth treffen sich alle zwei Wochen. Silke sagt, seiner Frau falle immer etwas ein, wozu sie seine Hilfe brauche: sogar beim Tanken und beim Geldabholen. Einmal in der Woche telefonieren er und Ruth miteinander, und es gab Zeiten, da sprachen sie jeden Tag. Christoph sagte dann zu Silke, sie solle mal still sein. Er ging in sein Arbeitszimmer im ersten Stock, Silke hockte unten in der K\u00fcche und lauschte. Er habe dann immer einen ganz weichen Ton in der Stimme gehabt, fast z\u00e4rtlich habe er mit Ruth gesprochen, nur sie selbst, sagt Silke, sie habe diesen Ton in der letzten Zeit nicht mehr geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Silke, die im Verborgenen interessant war, wird langweilig und anstrengend, als sie Alltag ist: Christoph findet pl\u00f6tzlich, sie habe sich ver\u00e4ndert. Sie sei abends oft m\u00fcde, und sie bevormunde ihn. Auch Silke lernt Christophs weniger erfreuliche Seiten kennen. W\u00e4hrend er in Gesellschaft den Sonnyboy gibt, ist er zu Hause in sich gekehrt und manchmal verletzend. Ein paar Kilogramm abzunehmen w\u00e4re nicht schlecht f\u00fcr sie, meint er zu Silke, dann w\u00fcrde er sie vielleicht heiraten. Auch im Bett geht es inzwischen eher beschwerlich zu. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ob sie nur zweite Wahl sei, fragt sie ihn. Nein, sagt er, \u00bbaber die einfachste\u00ab<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Damit zwei Menschen miteinander gl\u00fccklich sein k\u00f6nnten, sagt Gerti Senger, brauche es mehr als ein paar aufregende N\u00e4chte. Soziale \u00dcbereinstimmung geh\u00f6re dazu, aber auch gemeinsame Werte und Ziele, eine gemeinsame Kraft. \u00bbDie Liebe\u00ab, sagt Senger, \u00bbist das Br\u00fcchigste, was es gibt.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das Tragische an den Geschichten von Geliebten, dass sie ihre ertr\u00e4umte Beziehung nie richtig testen k\u00f6nnen. Wird das heimliche Verh\u00e4ltnis doch einmal offiziell, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Beziehung scheitert. \u00bbWenn etwas so einen langen, z\u00e4hen Vorlauf hat, ist es oft schon ausgelutscht, wenn es richtig beginnt\u00ab, sagt Senger. Auch die Geliebte und ihr Liebhaber haben dann schon eine Art Gewohnheitsbeziehung \u2013 und die Entsch\u00e4digung, ein offizielles Paar zu werden, schmeckt schal. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Doch Silke konkurrierte nicht nur mit Ruth. Im vergangenen Sommer, als sie an einem Wochenende mit ihren Eltern zur Kur fuhr, ging Christoph mit seinem jetzt fast drei\u00dfig Jahre alten Sohn auf eine Party. Nachts reagierte er nicht auf SMS, er hob auch das Telefon nicht ab. Sp\u00e4ter durchsuchte Silke die ausgegangenen Anrufe und Mitteilungen auf seinem Handy, das tat sie manchmal, wenn sie ein ungutes Gef\u00fchl hatte. Sie fand eine SMS, die er an Manu, eine 25-J\u00e4hrige aus dem Dorf, geschrieben hatte: \u00bbIch h\u00e4tte noch so gerne mit Dir getanzt\u00ab, stand da. Silke fand, so einen Satz schreibe man nicht einfach irgendjemandem. Christoph fand, da sei doch nichts dabei. Das mit dem Tanzen habe zwischen ihm und Silke sowieso nie so richtig geklappt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte Christoph sie wirklich betrogen, h\u00e4tte es Silke m\u00f6glicherweise nicht einmal gemerkt. Pl\u00f6tzlich galten die Heimlichkeiten, die Tricks \u2013 alles, was Silkes und Christophs Beziehung jahrelang am Leben gehalten hatte \u2013 ihr selbst. \u00bbIch wusste ja, wie er tickt, man \u00e4ndert sich doch letztlich nicht\u00ab, sagt sie. Jetzt wurde sie misstrauisch, wenn er am Wochenende mit dem Auto wegfuhr. Wollte er nur in Ruhe mit einer anderen telefonieren, wie er es fr\u00fcher mit ihr getan hatte? Sie tippte eine SMS: \u00bbIch habe einfach Angst, dass Du jemand anderes hast. Sag mir doch einfach, dass es nicht so ist.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Silke hatte die Beziehung zu Christoph immer etwas mit Leistung zu tun. Mit Kampf und Anstrengung. \u00bbZuerst war es aufregend und sch\u00f6n, es war ja auch etwas Besonderes\u00ab, sagt sie. Nun, mit 34 Jahren, konnte sie nicht mehr. \u00bbEntweder Heirat oder Kinder\u00ab, sagte sie irgendwann zu Christoph. Aber das war auch wieder nur eine leere Drohung. Christoph ist jetzt 49 Jahre alt, f\u00fcr ihn ist die Familienplanung abgeschlossen. Er entschied sich f\u00fcr gar nichts, aber Silke glaubte, wenn sie nur lange genug durchhielte und sich wirklich bem\u00fchte, w\u00e4re sie irgendwann am Ziel. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Chancen, etwas richtig machen zu k\u00f6nnen \u2013 sie schwanden. Als Silke Christoph einmal fragte, was sie denn tun solle, damit er gl\u00fccklich werde, antwortete er: \u00bbDu kapierst es ja sowieso nicht.\u00ab Und wom\u00f6glich stimmt das sogar. Es scheint, als habe Silke sich zu diesem Zeitpunkt im Wartesaal der Liebe so eingerichtet gehabt, dass sie nicht merkte, dass der Zug, in dem Christoph sa\u00df, l\u00e4ngst abgefahren war. Es ist vielleicht auch bequemer f\u00fcr eine Frau, in der Opferrolle zu verharren, als mit dem Mann Krieg anzufangen oder allein neu anzufangen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Auf ihrem iPhone hat Silke einen Film gespeichert: Christoph im T-Shirt auf dem Sofa, auf dem Bauch der gemeinsame Kater. Seine H\u00e4nde kraulten durch das schwarze Fell, dazu seine gurrende Stimme. Und sie dachte: \u00bbNun konkurriere ich schon mit einer Katze.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Einmal wollte sie ihm zeigen, dass es ihr wirklich ernst war, dass auch sie nicht alles mit sich machen lasse. F\u00fcr eine Woche wollte sie ausziehen, bei Eltern und Freunden wohnen, aber schon nach drei Tagen kehrte sie zur\u00fcck. Die Sticheleien und die st\u00e4ndige Unsicherheit taten Silke zwar weh. Aber viel schlimmer, so fand sie, war das Alleinsein. Im Supermarkt sah sie pl\u00f6tzlich nur Paare, die ihre Eink\u00e4ufe erledigten und dann gemeinsam mit dem Auto davonfuhren. Und daneben sah sie sich, wie sie allein dastand und niemanden hatte, der zu ihr geh\u00f6rte und zu dem sie geh\u00f6rte. Silke wollte ein Zuhause, einen sicheren Platz in dieser Welt, endlich ankommen. Sie malte sich aus, wie es w\u00e4re, gar noch mit f\u00fcnfzig ein Single zu sein, ohne Kinder, und weil diese Fantasie zu grauenhaft war, kroch sie zu Christoph zur\u00fcck und versprach, fortan nicht mehr so viel zu verlangen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal erinnert sie sich an diesen Satz, den Christoph einmal zu ihr gesagt hat. Sie hatte ihn gefragt, warum er sich wieder bei ihr gemeldet habe, wenn er doch sp\u00e4ter so unzufrieden mit ihr war. Ob sie denn nur die zweite Wahl gewesen sei? \u00bbNein\u00ab, sagte Christoph da, \u00bbaber die einfachste.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Vor etwa zwei Monaten hat er Schluss gemacht, ganz \u00fcberraschend nach dem Tischtennis. Mittwochnachmittag waren beide im Streit auseinandergegangen. Wieder hatte Silke in seinem Handy herumgeschn\u00fcffelt, wieder fand sie eine SMS, die er an Manu geschrieben hatte: \u00bbLasse mir jetzt auf der Terrasse die Sonne ins Gesicht scheinen.\u00ab Silke hatte Christoph gebeten, er solle versprechen, Manu nicht mehr zu schreiben. Er hatte geantwortet: \u00bbLass mich einfach in Ruhe.\u00ab Am Abend war es aus. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst hoffte Silke, er w\u00fcrde wieder zur Besinnung kommen. Am Freitag nach der Trennung schrieb sie ihm etwa zwanzig SMS. \u00bbIch verliere so viel, meinen Freund, mein Zuhause. Und was verlierst Du?\u00ab Doch Christoph antwortete nicht einmal mehr. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>An einem der folgenden Wochenenden fuhr er auf eine Messe. Silke bot ihm an, f\u00fcr die Zeit wieder in sein Haus zu ziehen, schlie\u00dflich m\u00fcsse doch jemand den Kater f\u00fcttern, der damals noch bei ihm lebte. Doch Christoph hatte schon seine Eltern gebeten. Sie w\u00fcrden die Katze h\u00fcten. F\u00fcr ihn war alles gekl\u00e4rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silke ist eine intelligente, moderne Frau und die Geliebte eines verheirateten Mannes. Jahrelang wartet sie vergeblich darauf, dass er seine Frau f\u00fcr sie verl\u00e4sst. Warum verschwendet Silke ihr Leben? Nahaufnahme eines weiblichen Ph\u00e4nomens. [\u00a9 DIE ZEIT vom 19. Juli 2012, Link] Jahrelang hat Silke auf Christoph gesetzt. Sie war seine Geliebte, dann hat sie bei ihm gewohnt. Und jetzt ist alles, was ihr von ihm bleibt: das Fotoalbum vom letzten gemeinsamen Italien-Urlaub, ein paar Geschenke und eine braune Wolldecke. Vor ein paar Wochen ist sie aus seinem Haus, in dem sie drei Jahre gemeinsam verbracht hatten, ausgezogen. Sie hat nur ihre eigenen M\u00f6bel mitgenommen: CD-Regal, Beistelltisch, Stehlampe. Dazu ihre Kleidung, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,5],"tags":[14,39],"class_list":["post-258","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-portrait","category-reportage","tag-die-zeit","tag-liebe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258"}],"collection":[{"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=258"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1271,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions\/1271"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/kathrinklette.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}