{"id":175,"date":"2012-03-26T22:53:58","date_gmt":"2012-03-26T22:53:58","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrin-klette.de\/?p=175"},"modified":"2022-07-31T21:41:59","modified_gmt":"2022-07-31T19:41:59","slug":"eine-saubere-sache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=175","title":{"rendered":"Eine saubere Sache"},"content":{"rendered":"<p>EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine Inderin wegen einer Toilette ihre Ehe aufs Spiel setzte Anita Narre, 24 Jahre alt, frisch verheiratet, hatte nicht vor, eine Revolution zu starten. Sie plante auch nicht, zum Vorbild f\u00fcr andere Frauen zu werden. Anita Narre wollte einfach nur ein eigenes Klo. Ihre Geschichte beginnt in Chichouli, einer Kleinstadt im Zentrum Indiens. Hier lebte sie, zusammen mit ihren Eltern. Ihr Vater ist Lehrer, ihre Mutter Hausfrau. Die Familie sch\u00e4tzt Traditionen, die Eltern gaben ihrer Tochter den guten, alten indischen Namen Anita, die Gnadenvolle, sie sind neuen Ideen, neuen Moden gegen\u00fcber nicht sonderlich aufgeschlossen. Die Eltern suchten den Ehemann f\u00fcr ihre Tochter aus, ohne zu fragen, ob ihr der Mann gef\u00e4llt. Die Eltern teilten ihrem Kind nur das Ergebnis mit, und Anita war eine gute Tochter, sie nahm die Entscheidung einfach hin, so erz\u00e4hlt sie es selbst. Die Wahl der Eltern fiel auf einen jungen Mann, er hei\u00dft Shivram, ist zwei Jahre j\u00fcnger als Anita, und er w\u00fcrde demn\u00e4chst als Grundschullehrer arbeiten, in seinem Dorf Jheetudhhana, nicht weit von Chichouli entfernt. Anita Narre traf ihren zuk\u00fcnftigen Ehemann nur ein einziges Mal vor der Hochzeit. Danach hatte sie das Gef\u00fchl, dass ihre Eltern eine gute Wahl getroffen hatten. Shivram, so schien es ihr, war ein ehrlicher, warmherziger Mann. Ihr neues Zuhause sah Anita erst nach der Hochzeit. Und was sie sah, lie\u00df sie zweifeln, an der Urteilskraft ihrer Eltern und am Fortbestand ihrer Ehe. Bis zum Zeitpunkt ihres Umzugs hatte sie in einem richtigen Haus gelebt, mit W\u00e4nden aus Stein, mit einem ordentlichen Dach, mit Strom und mit einer Toilette. Das war nun nicht mehr so. Das Haus ihres Mannes war kein richtiges Haus, es war eher eine H\u00fctte, es gab drei Zimmer, aber keinen Strom, und das Wasser holte man aus einem Brunnen, der ungef\u00e4hr einen Kilometer weit entfernt war. Mit diesen Unannehmlichkeiten h\u00e4tte sich Anita Narre zur Not noch arrangieren k\u00f6nnen. Was sie nicht ertrug, war die Abwesenheit einer Toilette. Es fehlte nicht nur ein Klo in der N\u00e4he der H\u00fctte. Es gab gar kein Klo im Dorf. Ein offenes Feld diente den Dorfbewohnern als Latrine, die eine H\u00e4lfte war f\u00fcr die M\u00e4nner reserviert, die andere f\u00fcr die Frauen. Anita fragte ihren Mann, ob man den Zustand \u00e4ndern k\u00f6nne. Seine Antwort war: Eine Toilette im Haus ist eklig, au\u00dferdem teuer. Anita Narre versuchte, eine gute Ehefrau zu sein. Sie riss sich zusammen. Am Abend, nachdem es dunkel geworden war, machte sie sich auf den Weg zum offenen Feld. Sie wollte dort von niemandem gesehen werden, nicht von M\u00e4nnern, nicht von Frauen. Sie lief auf Flip-Flops, gab acht, dass sie nicht auf Skorpione oder Schlangen trat. Am Morgen darauf, bevor die Sonne aufging, suchte sie das Feld zum zweiten Mal auf, und dabei beschloss sie, dass es auch das letzte Mal sein w\u00fcrde. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie stellte ihrem Mann ein Ultimatum. Sie werde jetzt wieder zu ihren Eltern ziehen, sagte sie, und erst, wenn das Haus eine eigene Toilette habe, werde sie zur\u00fcckkehren. Kein Klo, keine Ehe. Die Versuche des Ehemanns Shivram, sie umzustimmen, blieben ohne Ergebnis. Anita Narre ging, er begann, ein Klo zu planen. Er w\u00fcrde es nicht in der H\u00fctte bauen, sondern in einem Verschlag, ein paar Meter entfernt. Es w\u00fcrde etwa 4000 Rupien kosten, was viel Geld ist, wenn man wie Shivram 2400 Rupien im Monat verdient. Um den Bau bezahlen zu k\u00f6nnen, wandte er sich an die Dorfverwaltung, die ihm einen Zuschuss \u00fcber 2000 Rupien gew\u00e4hrte. Das Geld stammt aus einem Hygieneprogramm der indischen Regierung. Etwa eine Woche sp\u00e4ter war alles fertig, hinter dem Haus stand nun ein Ziegelh\u00e4uschen mit Metallt\u00fcr und Toilettensch\u00fcssel im Boden. Anita kehrte zu ihrem Mann zur\u00fcck. Das h\u00e4tte, soweit es Shivram und Anita betrifft, das Ende der Geschichte sein k\u00f6nnen. Aber so war es nicht. Die anderen Frauen im Dorf fragten sich nun, warum sie sich weiterhin auf den Acker hocken sollten. Wieso hatten sie nicht auch ihre eigene Toilette? \u00dcberall im Dorf debattierten Ehefrauen nun mit ihren Ehem\u00e4nnern, und manche droh-ten, wie Anita gedroht hatte: kein Klo, keine Ehe. Heute, ein knappes Jahr sp\u00e4ter, gibt es rund hundert Toiletten im Dorf, und vergangene Woche wurde Anita Narre f\u00fcr ihre Hartn\u00e4ckigkeit geehrt. Eine gemeinn\u00fctzige Organisation hat ihr einen Preis verliehen und umgerechnet \u00fcber 7000 Euro geschenkt. Anita und Shivram Narre wollen das Geld in ihr Zuhause investieren. Ein gr\u00f6\u00dferes Haus soll nun gebaut werden, mit einem eigenen Badezimmer. (\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-84519360.html\">DER SPIEGEL<\/a>, 13\/2012)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine Inderin wegen einer Toilette ihre Ehe aufs Spiel setzte Anita Narre, 24 Jahre alt, frisch verheiratet, hatte nicht vor, eine Revolution zu starten. 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