{"id":173,"date":"2012-02-18T22:47:46","date_gmt":"2012-02-18T22:47:46","guid":{"rendered":"http:\/\/kathrin-klette.de\/?p=173"},"modified":"2022-07-31T21:40:01","modified_gmt":"2022-07-31T19:40:01","slug":"mitarbeiterin-des-monats","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kathrinklette.com\/?p=173","title":{"rendered":"Mitarbeiterin des Monats"},"content":{"rendered":"<p>EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine Franz\u00f6sin 5200 unbezahlte \u00dcberstunden anh\u00e4ufte Muriel Genda, zurzeit die ber\u00fchmteste Ex-Angestellte von McDonald&#8217;s in Frankreich, sieht wieder besser aus. Nicht mehr so m\u00fcde, nicht mehr so d\u00fcnn, nicht mehr so verzweifelt. Sie sitzt in einem Caf\u00e9 in Saint-Brieuc, einer kleinen Stadt in der Bretagne, und erz\u00e4hlt ihre Geschichte, die von einer unfreiwilligen Rebellion gegen die weltweit umsatzst\u00e4rkste Fast-Food-Kette handelt. Muriel Gendas Geschichte beginnt vor 13 Jahren. Damals war sie 21 Jahre alt, eine Studentin der Lebensmitteltechnik, die sich am Wochenende bei McDonald&#8217;s etwas dazuverdiente. Buletten wenden, Pommes salzen, abkassieren, das war ihr Job, und sie machte ihn mit m\u00e4\u00dfiger Begeisterung, aber gut und gewissenhaft. Nach zwei Jahren bot ihr der Chef eine Vollzeitstelle an. Muriel Genda stand kurz vor dem Ende ihres Studiums und wog ihre M\u00f6glichkeiten ab. Weiterstudieren und auf eine besser bezahlte Arbeitsstelle hoffen oder bei McDonald&#8217;s anfangen und auf eine Karriere setzen. Muriel Genda entschied sich f\u00fcr die zweite Variante, und zun\u00e4chst ging auch alles gut. Sie war zufrieden mit ihrer Arbeit, und ihr Chef war zufrieden mit ihr. Deshalb bot er ihr nach drei weiteren Jahren die M\u00f6glichkeit, Leiterin des McDonald&#8217;s-Restaurants im benachbarten Guingamp zu werden. Diesmal musste Genda nicht lange \u00fcberlegen. Sie war nun F\u00fchrungskraft, bestellte die Br\u00f6tchen und das Fleisch selbst, f\u00fchrte Vorstellungsgespr\u00e4che, lernte Mitarbeiter an. Sie besa\u00df jetzt Verantwortung, viel mehr als zuvor, und sie wollte dieser Verantwortung gerecht werden, sie wollte gut sein in dem, was sie tat. Aber es gab wirklich viel zu tun. Waren mussten geordert, Schichtpl\u00e4ne erstellt werden, Ersatz musste herangeschafft werden f\u00fcr Mitarbeiter, die sich krankmeldeten, f\u00fcr solche, die k\u00fcndigten. Und wenn es keinen Ersatz gab, sprang Muriel Genda selbst ein, briet das Fleisch, zapfte Softdrinks. Ihre Tage waren lang, sie begannen morgens um 9 Uhr und endeten oft erst gegen 23 Uhr. Sie arbeitete sechs Tage die Woche Vollzeit, nur die Sonntage waren frei, halbwegs. Dann stand sie erst am sp\u00e4ten Nachmittag wieder in der Filiale. Den halben freien Tag opferte sie, als sie zus\u00e4tzlich zu der Filiale in Guingamp noch eine zweite in Paimpol \u00fcbernahm. Vier Tage in der Woche war sie dort, die \u00fcbrigen drei in Guingamp. Sp\u00e4ter sprang sie auch noch in den Filialen in Pl\u00e9rin und Langueux ein. W\u00e4hrend der gesamten Zeit blieb ihr Gehalt unver\u00e4ndert. 2200 Euro brutto. Fragt man Genda, warum sie sich das angetan hat, dann z\u00f6gert sie erst, erz\u00e4hlt dann aber doch von ihrem Chef. Er scheint ein ge\u00fcbter Manipulator zu sein. \u00dcber die Jahre sei er ein guter Freund geworden, sagt Muriel Genda noch heute. Er kam zu ihrer Hochzeit, sie diskutierten und lachten. Nach der Schicht, wenn alle in eine Bar gingen, war er oft dabei. Er habe gewusst, wie er sie zum Lachen bringen, wie er ihr schmeicheln konnte, sagt Genda. Und er habe auch gewusst, wie er ihr ein schlechtes Gewissen machen, wie er sie antreiben konnte. An manchen Tagen sagte er, sie arbeite zu langsam, nicht effizient, sie sei eine Niete. An anderen versprach er ihr eine Pr\u00e4mie, zahlte die dann aber nicht, weil sie angeblich nachgelassen habe. Ihr Chef erinnerte Muriel Genda an ihren Vater, einen Architekten, einen Freiberufler, der auch viel forderte, von sich und von anderen. Auch deshalb lie\u00df sie sich wohl so behandeln. Im Jahr 2008, sie hatte mittlerweile rund zehn Kilo abgenommen und lebte von Kaffee und Zigaretten, beschloss sie, sich ihr Leben zur\u00fcckzuholen. Sie schrieb Bewerbungen, an Verwaltungen, an den Club Med. Sie hat sie nicht gez\u00e4hlt, aber es f\u00fchlte sich an, als w\u00e4ren es Hunderte gewesen. Nicht eine war erfolgreich. Im August 2009 folgte dann, fast erwartet, der Zusammenbruch. In ihrem B\u00fcro sackte Muriel Genda auf den wei\u00dfen Fliesenboden, sie schlug die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf, zog die Beine an und zitterte am ganzen K\u00f6rper. Dieses Mal riss sie sich nicht wieder zusammen, dieses Mal ging sie zur \u00c4rztin, die schrieb sie wegen eines Burnout krank. Wenig sp\u00e4ter klagte sie. Vor kurzem hat das Arbeitsgericht in Guingamp Gendas Chef verurteilt, er muss ihr etwa 250 000 Euro zahlen, f\u00fcr \u00fcber 5200 \u00dcberstunden und entgangene Ruhetage. Er hat Berufung eingelegt, aber sollte er scheitern, w\u00e4re das wohl die h\u00f6chste Gehaltsnachzahlung, die eine McDonald&#8217;s-Filiale in Frankreich jemals zahlen musste. Muriel Genda ist nun bekannt in Frankreich, Interviews gibt sie unter ihrem M\u00e4dchennamen, sie versucht, die Kontrolle \u00fcber ihr neues Leben zu behalten. Heute arbeitet sie in einem Modegesch\u00e4ft und leitet ein Team mit 15 Angestellten. Sie versucht, eine gute Chefin zu sein. Und halbwegs p\u00fcnktlich nach Hause zu gehen. [\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-84061020.html\">DER SPIEGEL<\/a>, 08\/2012]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine Franz\u00f6sin 5200 unbezahlte \u00dcberstunden anh\u00e4ufte Muriel Genda, zurzeit die ber\u00fchmteste Ex-Angestellte von McDonald&#8217;s in Frankreich, sieht wieder besser aus. Nicht mehr so m\u00fcde, nicht mehr so d\u00fcnn, nicht mehr so verzweifelt. Sie sitzt in einem Caf\u00e9 in Saint-Brieuc, einer kleinen Stadt in der Bretagne, und erz\u00e4hlt ihre Geschichte, die von einer unfreiwilligen Rebellion gegen die weltweit umsatzst\u00e4rkste Fast-Food-Kette handelt. Muriel Gendas Geschichte beginnt vor 13 Jahren. Damals war sie 21 Jahre alt, eine Studentin der Lebensmitteltechnik, die sich am Wochenende bei McDonald&#8217;s etwas dazuverdiente. 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